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Dieser Vortrag wurde gehalten auf dem 48. Deutscher Historikertag, Berlin, 29.9.2010: Rückblick 8. Deutscher Historikertag (mit Fotogalerie)
Ein Einblick in den Ausblick der »WBG Weltgeschichte«
von Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer
Der Impuls, eine Weltgeschichte zu schreiben, ist nicht neu, sondern so alt wie die Menschheit. Schon die Genesis, der Bericht von der Erschaffung der Welt in der Bibel, ist eine Weltgeschichte, und auch die Erzählung von den Kulturheroen Chinas in der „Großen Abhandlung“ im „Buch der Wandlungen“ hat die ganze Welt im Blick. Und doch ist eine Weltgeschichte im Jahre 2010 etwas in spezifischer Weise Neues:
Wir wissen heute mehr als je zuvor über die Lage der Welt und der Menschheit. Wir sehen unsere Verantwortung, und können offenbar doch nur wenig bewirken, sind gewissermaßen Zaungäste im eigenen Dasein. Wert- und Glaubenssphären ebenso wie die irrationalen Anteile scheinen nicht geringer - womöglich sogar größer geworden zu sein. Dass wir nun auf dem Historikertag diese Weltgeschichte vorstellen, ist zugleich ein Beitrag zur Thematisierung von Wissenschaftsjubiläen in dieser Stadt Berlin.
Denn auch die Geschichtsschreibung und das Bewusstsein von Geschichte haben sich im Laufe der Jahrhunderte geändert. Während bei Gottfried Wilhelm Leibniz die Geschichte im wesentlichen eine Geschichte der Verträge zwischen Herrscherhäusern ist, gab es zwischenzeitlich vielfältige Geschichtsbilder, die sämtliche weiter ihr Recht behalten, doch heute muss einem neuen Weltbezug auch eine neue Wahrnehmung der Weltgeschichte folgen.
Eine Weltgeschichte in sechs Bänden ist angesichts der seit längerem zu Recht konstatierten Unübersichtlichkeit der Versuch, aus einer Vielstimmigkeit ein Gesamtwerk werden zu lassen. Das Konzept war klar: Es sollte von vornherein die Welt als Ganzes gesehen werden, weil die Geschichte ebenso wie die Summe aller Geschichten die Vorgeschichte der Gegenwart ist sowie alle Menschen und Völker auf dieser Erde betrifft. Dabei bestand Einverständnis, dass nicht alles ausgeschöpft, nicht sämtliche Kreise würden ausgeschritten werden können. […]
Es sollte also ein Gesamtwerk entstehen – nicht ein Gesamtkunstwerk und auch keine Symphonie: denn die Weltgeschichte ist keine Komposition! Manche Erzählstränge bleiben notwendigerweise disparat, manche Ereignisse unerklärt, manche Erscheinungen rätselhaft. Einige Berichte werden bald durch neue Funde der Archäologie und der Archivforschung ergänzt, andere werden vielleicht sogar Widerspruch hervorrufen, andere wieder werden durch weitere Erkenntnisse bestätigt. Die Geschichte der Menschheit aber wird auch in Zukunft immer wieder neu geschrieben werden – das jedenfalls bleibt zu hoffen, denn es hängt das Überleben der Gattung Mensch auch davon ab, dass sie es versteht, sich in ihrer eigenen Geschichtlichkeit zu sehen und immer wieder neu zu erfinden.
Vielleicht ist diese Gattung nur eine sehr kurzlebige Erscheinung, nur ein Wimpernschlag im Weltenlauf. Die Herausgeber und Beiträger aber betrachten es als ein Glück, dass sie zu Beginn des 21. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung einen solchen relativ ausführlichen Blick zurückwerfen konnten und hoffen, dass ihnen zahlreiche Leser folgen werden. Mit der vorliegenden »WBG Weltgeschichte« legen sie eine zusammenfassende Darstellung der Menschheitsgeschichte vor, über die sie mit den Menschen anderer Kulturen und Traditionen ins Gespräch treten, denen wir immer häufiger begegnen und die, auch wenn sie ihre eigene Geschichte zutreffend wiedergegeben finden, dennoch ganz gewiss ihre eigenen Anmerkungen machen und Ergänzungen hinzufügen werden. So wird ein Gespräch über die gemeinsame Vergangenheit fortgeführt werden oder in vielen Fällen erst beginnen können, ohne die eine gemeinsame Zukunft nicht möglich sein wird.
Die sich an diese Weltgeschichte anschließenden Debatten werden insbesondere folgende drei Sphären näher zu beachten haben, die sich im Nachdenken über die Bedingungen der Möglichkeit eines Überlebens der Menschheit herauskristallisieren:
– Es geht erstens um die Lebenschancen der Menschen und das Maß des Leidens,
– zweitens um die Zukunftsperspektive beziehungsweise die Entwicklungs- und Veränderungsrichtung der Menschheit und
– drittens die Möglichkeit des Überlebens der Menschheit als Gattung.
Seit die Menschheit sich in die Lage versetzt hat, sich über sich selbst und über jegliches Geschehen auf der Erde zeitnah zu informieren, hat sie sich unter eine stete Handlungserwartung gestellt. Die Informationsmöglichkeiten haben zu neuen Formen der Informationsselektion und Informationsbündelung geführt, bei der sich mögliches Wissen oft selbst ausblendet. Zum Teil erreichen nur noch virtuelle Realitäten und künstliche Welten das Bewusstsein. Dies bedeutet, dass große Teile der Realität nicht mehr wahrgenommen werden; namentlich die versäumte Wahrnehmung von Leid und Unrecht aber wird zum Antrieb für neue Dynamiken, die eine Welt im Umsturz nicht ausschließen, und zwar in einer Weise, die im äußersten Falle zum Abbruch der Möglichkeit der Selbstthematisierung der Menschheit führen könnte. Deswegen muss hinfort auch die Selbstthematisierung der Menschheit und ihrer Geschichte dem Aspekt des Leidens eine zentrale Rolle einräumen. – Damit ist die zweite Sphäre, nämlich die der Zukunftsrichtung angesprochen, bei der sich als Alternative zur Konzipierung eines Weltuntergangs als beste aller Optionen nur eine Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte im Hinblick auf ein Überleben der Gattung Mensch anbietet. Eine solche Rekonstruktion muss die Erinnerungspotentiale der Völker und Individuen einbeziehen und erfordert die Hineinnahme der Vorgeschichte der Anderen in die eigene Vergangenheit. Als das vorläufige Ergebnis einer solchen Rekonstruktion kann eine Weltgeschichte gelten, zu der die vorliegende Weltgeschichte sich als eine Vorstufe versteht. – Dabei wird sich, und hier ist der dritte Punkt angesprochen, die Frage stellen, wie weit es der Menschheit gelingt, Vielfalt und Verträglichkeit so zu gestalten, dass sie Institutionen und Sinnstrukturen entwickelt, bei denen die Auffächerung ihrer Möglichkeiten nicht als anstößig, sondern als willkommen und förderlich empfunden wird. Denn davon, ob es gelingt, die Andersartigkeit des Anderen als Herausforderung und zugleich als Bereicherung der eigenen Existenz zu verstehen, wird unsere Zukunft abhängen.
Gegenwärtig steuert die Menschheit auf eine zunehmende Homogenisierung und zugleich auf neue Spannungen zu, die bei sich stets einander ähnlicher werdenden Lebensentwürfen mit einer immer stärkeren Kluft in den Realisierungschancen dieser Entwürfe einhergehen. Um diesen wahrhaft tödlichen Kreislauf zu durchbrechen, ist eine Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte, wie sie hier vorgelegt wird, nicht genug. Aber sie ist eine der notwendigen Voraussetzungen dafür. Es gehört daher zu den dringlichen Aufgaben der sich als stark und handlungsmächtig empfindenden Gesellschaften und Staaten, im wohlverstandenen eigenen Interesse zusammen mit anderen Gesellschaften und Staaten einen Zukunftshorizont vor dem Hintergrund der bisherigen rekonstruierbaren Erfahrungen der Menschheit als Ganzer zu formulieren und einen globalen Diskurs hierzu zu eröffnen. Das mag utopisch klingen, doch wenn dies nicht gelingt, könnte es ein, dass die Menschheit keinen Ort mehr behält, an dem sie weiter bestehen kann. Dann allerdings wäre in gewissem Sinne das Ende der Weltgeschichte doch zu erreichen. In diesem Sinne ist bereits allein das Unternehmen, eine Weltgeschichte vorzulegen, ein Akt der Selbstaufklärung. Denn nach dem Erzählen dieser Weltgeschichte sehen wir unsere eigene Geschichte in einem neuen Licht. An dieser erfreulichen Erfahrung teilzunehmen, sind alle eingeladen.
Solch ein anspruchsvolles großes Unternehmen wie eine Weltgeschichte bedarf vielfältiger Unterstützung und Anregung. Ohne die Wissenschaftliche Buchgesellschaft WBG + WISSENVERBINDET wäre dies nicht zustande gekommen, aber auch nicht ohne den versammelten Sachverstand der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Ich danke daher der Akademie und ihrer Präsidentin, vor allem aber dem Geschäftsführenden Direktor der WBG, Herrn Andreas Auth, sowie dem Programmleiter, Herrn Dr. Jörn Laakmann, den Fachlektoren Dr. Harald Baulig und Daniel Zimmermann sowie Frau Britta Henning. Diese haben das Unternehmen gesteuert, zielführend vorangebracht und die Endredaktion durchgeführt. Freilich wäre all dies nicht gelungen ohne die konzeptionellen Runden des Herausgeberkreises, die von der WBG mit großer Umsicht zusammengebracht wurden, und nicht ohne die Beiträger, die Autoren, die sich den Terminvorgaben unterworfen haben und dabei in vielen Fällen, wenn nicht ihre Lebens-, so doch ihre Urlaubsplanung entsprechend umorganisieren mussten. Diesen allen sei besonders gedankt – und ich hoffe, Sie werden bei der Entgegennahme der ersten Bände sagen: „es hat sich gelohnt“.
Ein Werk, an dem man selbst mitgewirkt hat, zu preisen, ist eine undankbare Aufgabe; und dass es Kritik geben wird, ist unvermeidlich, ja erwünscht. Der Fachmann/die Fachfrau wird stets etwas vermissen, aber wenn die Leser unsere Intentionen verstehen und gerne immer wieder zur Lektüre einzelner Beiträge auf die WBG-Weltgeschichte zurückgreifen, werden wir uns glücklich schätzen.
©Helwig Schmidt-Glintzer 2010
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 - Im Gespräch: der Präsident der HU Berlin, Professor Christoph Markschies, mit Professor Borgolte und Professor Schmidt-Glintzer
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