20 May 2012    
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   WBG WeltgeschichteBand 1LeseprobenDie Indus-Kultur

 

Ute Franke

 

Die Indus-Zivilisation, auch bekannt als Harappa- oder Indus-Kultur, ist eine der großen Hochkulturen des Vorderen Orients. Sie bestand von ca. 2600 bis 1900 v. Chr. und erstreckte sich über weite Bereiche des Indischen Subkontinents. Die Indus-Kultur ist eine städtische Gesellschaft mit hierarchischem Sozialgefüge und komplexem Wirtschaftssystem, in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit den Reichen Mesopotamiens und Irans – und dennoch anders. Die Schrift ist nicht entziffert, Königsgräber, Tempel und Paläste sind ebenso wenig bekannt wie Verwaltungszentren und Archive – Institutionen also, die das Herz der Gesellschaft darstellen und Einblick in den politischen und administrativen Aufbau, in das Wissen und Denken der Menschen geben. Daher sind viele Fragen noch offen: Wie entstand diese Kultur, wer regierte sie, warum endete sie?

 

 

Entdeckungen und Perspektiven

 

Entdeckt wurde die Indus-Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Grabungen in Harappa und Mohenjo-Daro großartige Stadtanlagen zutage brachten. Nach der Publikation der ersten Funde erkannte die Fachwelt schnell ihre besondere Bedeutung: Stempelsiegel mit identischen Tierdarstellungen und Schriftzeichen waren auch in den altorientalischen Zentren Susa, Ur und Tello gefunden worden, somit musste auch diese neu entdeckte städtische Zivilisation in das 3. Jahrtausend v. Chr. datiert werden. Die Geschichte des Indischen Subkontinents war plötzlich um 2000 Jahre älter und die Alte Welt um eine weit nach Osten blickende Perspektive reicher.


Es begannen intensive Forschungen, die auch nach der Teilung Indiens und Pakistans 1947 weitergeführt wurden. Heute ist die Indus-Kultur mit einer Ausdehnung von über 600.000 km2 eine der größten alten Zivilisationen, ca. 1100 Fundorte sind bekannt. Sie konzentrieren sich in der weiten, fruchtbaren Schwemmebene des Indus mit seinen Überlaufkanälen und Zuflüssen in Sindh und Punjab und entlang des heute ausgetrockneten Ghaggar-Hakra-Flusssystems. Sie erstrecken sich von den Bergketten Baluchistans im Westen, dem Karakorum-Gebirge im Norden und den Wüsten Cholistans bis nach Nordwestindien. „Außenposten“ wurden an der Küste Makrans, in Shortughai (Nordostafghanistan) und an der Ostküste Omans entdeckt.


Wie nicht anders zu erwarten, zeigt dieser große und naturräumlich stark gegliederte Raum deutliche kulturelle Unterschiede. (…)

 

 

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